Manieren oder die sog. “guten Manieren” sind nicht selten Streitpunkte in Beziehungen oder bei Kindern und deren Manieren. Gute Manieren konfrontieren uns mit den Themen: gesellschaftliche Werte, Normen und Moralvorstellungen.

Gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen sind keine fixe Größe. Sie verändern sich über die Zeit und je nach Kulturkreis. Ja selbst von Familie zu Familie gibt es unterschiedliche Rituale, Wichtigkeiten von Werten und unterschiedlichen Umgang mit dem Abweichen der Normen. Wir selbst werden in gesellschaftliche Konventionen hineingeboren, lernen diese über Beobachtung und die Art und Weise wie wir erzogen wurden. In unserem Gehirn wird das, wo wir hineingeboren werden als “normal” abgespeichert. Was man davon später im Erwachsensein übernehmen will oder nicht, hinterfragt man sich selbst gar nicht so oft. Manchmal kommt es erst dann zur Sprache, wenn man mit anderen “Normalitäten” konfrontiert wird: Wenn man in einer Partnerschaft lebt und sich im Alltag die unterschiedlichen Gewichtungen zeigen.

Spiegel Methode Natascha Pfeiffer

Als Kulturwesen definieren wir uns immer in Abhängigkeit zu den bestehenden Normen. Es gibt Bereiche, da akzeptieret und lebt man nach der kollektiven Vereinbarung, was richtig ist und was nicht. In anderen Bereichen besteht man auf seine Individualität und überschreitet bewusst die Grenze in die eine oder andere Richtung. In wie weit man sein Leben selbst bestimmt, hängt auch davon ab, ob und welche Bestrafung man erfahren hat, wenn man z.B. als Kind sich bewusst oder aus Unwissenheit bestimmter Gesellschaftsregeln zuwider verhalten hat.
Hohen Einfluss hat neben der Strenge der eigenen Kernfamilie, die Art und Weise wie gesellschaftliche Normen vermittelt wurden, wie mit dem Austesten von Grenzen umgegangen wurde, ob Normen eine Absolutheit hatten und ob bei einer Überschreitung beispielsweise auch schnell mal zu einem strafenden Gott gegriffen wurde.
Nicht selten werden Erziehungsmaßen ergriffen, in der eine 3. autoritäre Macht heran gezogen wird, um den Individualisten zur Raison zu bringen:

  • Wenn Deine Großmutter das wüsste, die würde sich im Grab umdrehen
  • Wenn das der liebe Gott sieht, dann wirst Du nicht in dem Himmel kommen
  • Das wirst Du noch bereuen (Thema Schuld)
  • oder, oder, oder…
  • Es gibt viele Arten, das, was man selbst für richtig hält, mit der Macht einer dritten Instanz zu untermauern. Es wird ebenso unmissverständlich klar, wer hier das Maß von “richtig” oder “falsch” inne hat.

    Und dann ist man in einer Beziehung und es kommt zu Konflikten im diesem Bereich…je mehr sich der eine Partner in dem einen Extrem befindet, desto mehr wird er einen Partner anziehen, der das Gegenteil aufweist. Je mehr man selbst mit dem Thema in Konflikt ist, desto mehr bekommt man das auf unterschiedliche Arten im Umfeld gespiegelt. Es gibt unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten, die einem mehr oder weniger heftig darauf hinweisen, dass man selbst sein eigenes Verhalten hinterfragen kann. Es ist eine Einladung hinzuschauen, wo man blind Dinge übernommen hat, Ängste und Befürchtungen projiziert bei Nichteinhaltung, wo man selbst der Richter ist, wo man selbst in der Kinder- oder Elternrolle ist, wo man es für sich selbst gelöst und transzendiert hat. Behält man die Offenheit gegenüber dem Partner erschließt sich für beide eine große Chance…

    Im Folgenden das Fallbeispiel einer Klientin aus Wien, die wegen mangelnder Manieren ihres Mannes zu mir gekommen ist. Ich weiß es ist lang, wer sich damit aber selbst mal auseinander setzen will, für den ist dieses ausführliche und dennoch gekürzte Gespräch sicher die eine oder andere Hilfe…

    Worum geht es?
    Ich weiß, dass es doof ist, aber ich komme immer wieder an den Punkt, wo ich ganz schwer mit den in meinen Augen nicht vorhandenen Tischmanieren meines Partners umgehen kann.

    Wie ist Dein Mann, was stört Dich?
    Ich finde, dass er in Bezug auf Tischmanieren wohl von seinen Eltern kaum etwas beigebracht bekommen hat und, dass er selbst als Erwachsener in sich nicht die Eigeninitiative zeigt, sich bessere Tischmanieren anzueignen. Für mich gehört das zu einem schönen Essen dazu, dass man auch kultiviert essen gehen kann, die Gabel richtig hält und nicht halb über dem Tisch hängt. Ich finde das sehr unästhetisch und in gewisser Weise auch unhöflich mir gegenüber und manchmal ist mir das gegenüber anderen peinlich. Ich mag mich nicht für ihn genieren müssen!

    Hältst Du Dich selbst an diesen Codex der Manieren – an Knigge – und bist Du vielleicht sogar zu extrem darin?
    Hm, ich weiß nicht ob das extrem ist, mir ist es auf alle Fälle wichtig. Ich habe von meinen Eltern konsequent beigebracht bekommen, was gute Tischmanieren sind. Ich finde das einen sehr schönen Wert. Auch, dass ich weiß damit umzugehen. Ich benehme mich auch nicht immer streng nach Knigge und ich weiß, dass sich Manieren und das, was man darunter versteht, im Laufe der Zeit verändert haben. Ich weiß, dass es kulturell Unterschiede gibt, ich weiß, dass Manieren nicht immer die selben waren und sicher nicht bleiben werden und ja, ich verhalte mich eben auch nicht immer nach Knigge. Aber es gibt sie und ich finde das gut, dass man sich in einem gewissen Rahmen daran hält, das ist doch Teil unserer Kultur.

    Manieren sind also kein absoluter Wert. Sie sind zeitlich und örtlich eine gesellschaftliche Vereinbarung und liegen im Auge des Betrachters. Okay, wenn Du Dich nicht immer daran hältst, gib mir 3 Beispiele wo Du Dich – sagen wir mal – etwas lässiger verhältst:
    Ich mag es beim Rotwein-Trinken, das Glas zu halten und nicht den Stil, so wie man es eigentlich machen müsste, streng nach Knigge. Ich finde aber gerade beim Rotwein, dass es mir ein wärmeres Gefühl gibt, ich mag das bauchige Glas. So gesehen, ist das ein Beispiel wo ich mich selbst nicht an die Regeln halte.

    Nenne mir noch 2 weitere:
    Natürlich esse ich auch mal im Schneidersitz auf dem Sofa, das wäre jetzt auch nicht so konform. Und sonst, ich weiß nicht, vielleicht nehme ich es mit Servietten nicht immer so streng. Aber ich weiß, dass man sich am Tisch gerade hinsetzt, wie man Gabel und Messer richtig hält und dass ich eben ein allg. gutes Benehmen habe. Was mein Mann nicht hat.

    Was bedeuten Dir gute Manieren?
    Gute Manieren machen ein sinnliches Erlebnis wie Essen dadurch für mich schöner, es zeigt für mich Respekt gegenüber dem Essen und den anderen Personen am Tisch. Ich will nicht, dass seine schlechten Manieren, und das, was man dann über ihn denkt, auf mich übertragen wird, weil ich seine Frau bin.

    Was könnten den anderen Denken? Was würden sie im schlimmsten Fall für ein Urteil über ihn und undifferenziert in der Folge auch über Dich fällen?
    Mangelende Manieren sind doch schnell ein Zeichen dafür, dass man ungebildet ist, also dass man allgemein ungebildet ist. In der Folge wenden sich die anderen auch ab, weil man mit solchen Menschen dann nichts zu tun haben will, weil man sich mit ihnen quasi nicht blicken lassen kann. Aber vor allem das Thema, dass man daraus allg. mangelnde Bildung unterstellen könnte, das ist mir das ärgste, merke ich gerade.

    Okay, noch mal zurück zu den Beispielen, wo Du Dich selbst nicht so manierlich verhältst. Warum tust Du das, und was berechtigt Dich dazu?
    Ich tue das, weil ich es in dem Moment für vertretbar halte. Im Grunde genommen gebe ich mir selbst die Erlaubnis dazu. Wie das eben mit dem Weinglas: ich mag es lieber so und es ist jetzt nicht so schlimm, wenn es nach strengen Richtlinien im Grunde genommen nicht korrekt ist.

    Dann sage ich Dir jetzt mal etwas Provokantes, was ich daraus höre:
    Manieren sind Dir wichtig, selbst brichst Du sich aber ebenso. Das heißt, hier gibt es für Dich ganz individuelle Maßstäbe. Und genau diese Maßstäbe muss Dein Mann erfüllen, er selbst darf sich aber seine Maßstäbe nicht geben. Du willst, dass er nach Deinen Regeln spielt.

    Oh mein Gott, ja, im Grunde ja! Ich nehme mir das Recht und gestehe ihm es nicht zu. Ja, aber er ist doch viel schlimmer!

    Das ist er in Deinen Augen, nur in Deinen. Deine Befürchtung, dass mangelnde Manieren zu einer Verurteilung, zu einer Aberkennung von Allgemeinbildung führen, ist Dein Glaubenssatz, das ist Dein Problem, nicht seines.

    Nenne mir 3 Beispiele wo Dein Mann sich sehr wohl mit guten Manieren zeigt:
    Das fällt mir schwer, weil ich immer noch das Gefühl habe, dass es zu wenig ist.

    Dann frage ich Dich: Spuckt er vielleicht in das Essen von anderen?
    Nein

    Klaut er Fremden Essen von deren Teller?
    Nein, auch nicht. Ich verstehe schon, natürlich kann er sich benehmen.

    Wie denkst Du über ihn, wenn Du den Gedanken hast: Mein Mann hat zu wenig Manieren?
    Ich bin ärgerlich, weil er weiß, dass ich das unschön finde und ihm das weiterhin egal ist. Ich bin genervt, ich werte das als respektloses Verhalten mir und anderen gegenüber. Ich bin innerlich sehr wütend und ich bin dann manchmal in der Folge unfreundlich zu ihm, ich kann ihm dann schon ziemlich deutlich zeigen, dass ich das scheiße finde.

    Wie bist Du ihm gegenüber also dann?
    Naja, ich bin dann auch nicht sehr respektvoll und wie wir es schon hatten, im Grunde will ich ja wie ein kleines Kind, dass er sich anpasst, wenn schon nicht an strenge Maßstäbe, dann zumindest an die, die ich auch erfülle, die ich für gut und noch angemessen empfinde. Ich verwehre ihm sein Gefühl und seine Wertung von dem, was er für sich als angemessen einschätzt.

    Was spiegelt Dir Dein Mann?
    Dass er weit aus mehr Gelassenheit hat als ich. Dass er ebenso eigene Werte hat und diesen nachgeht und er nicht diese strenge Reglementierung hat, er ist das im Grunde freier als ich es bis jetzt bin.
    Dass er mir das im Extrem spiegelt, weil ich damit ein Problem habe und nicht er.

    Welche Erkenntnisse ziehst Du daraus?
    Ich nehme mir in gewissem Maß meine Individualität, die ich ihm nicht lasse.
    Ich projiziere meine Ängste über eine Verurteilung auf ihn und ich verurteile selbst meinen Mann.
    Ich erkenne, das ein mir wichtiger Wert, für andere nicht den selben Wert haben muss.
    Ich erkenne, dass ich an diesen Wert Konsequenzen gekoppelt habe, weil ich das in mir so verankert habe, was nicht heißt, dass das passieren muss und das andere die selben Konsequenzen daraus schließen. Mein Mann denkt gar nicht, dass das negative Konsequenzen hat.
    Den Respekt, den ich von meinem Mann fordere, kann ich ihm selbst nicht gegenüber bringen. Ziemlich schizophren (sie lacht…).

    In Dir steckt eine tiefe Überzeugung, dass ein Verhalten außerhalb des allg. Anerkannten zu einer gesellschaftlichen Verurteilung führt, dass Dir dann Ungebildetsein unterstellt wird, dass Du gesellschaftlich gemieden wirst. Dein Mann lebt Dir vor, dass dies nur Gedanken sind, er zeigt Dir im Extrem, dass es nichts mit der Realität zu tun haben muss. Er ist da ein Stück weit Dein Lehrmeister.
    Fassen wir also Deinen Glaubenssatz zusammen:
    Wenn ich mich außerhalb der allg. anerkannten Norm bewege, werde ich gemieden und ich werde als dumm verurteilt.

    Ja, ich merke, dass das eine ziemlich eingeschränkte Sicht ist. Und, dass ich selbst sehr wohl nach Individualität strebe und diese mir ja auch in anderen Bereichen gönne und mir das egal ist, was andere denken. Aber hier beim Thema Manieren ist das noch ziemlich eng verknüpft. Und bei meinem Mann bin ich selbst der Urteiler geworden, vor dem ich selbst am meisten fürchte…

    Niemand verlangt von Dir, dass Du den Wert eines für Dich schönen Essens mit Deinem Maßstab an guten Manieren über Bord werfen musst. Es ist wie Du richtig sagst, Dein Maßstab. Und die Situation mit Deinem Mann hat Dich hier wichtige Erkenntnisse gewinnen lassen.
    Fassen wir Glaubenssatz enger, weil Du es vorhin noch mal betont hast, dass es daran gekoppelt ist: Wenn ich mich mit meinen Manieren außerhalb der allg. anerkannten Normen bewege, werde ich als dumm verurteilt und gesellschaftlich gemieden. Das ist Angst betrieben und nicht frei, das schränkt Dich ein und eine Einschränkung aus Angst, aus einer projizierten Angst, ist nicht liebevoll zu Dir. Du kannst ihn gehen lassen? Es braucht Deine Entscheidung, dass Du Dich durch diese Bewusstwerdung davon frei machen kannst.

    Ja! Unbedingt!

    Natascha Pfeiffer

    Über Natascha Pfeiffer

    Natascha Pfeiffer, Expansion Method Practitioner und Groupleader, Co-Founder der Agentur PRand communication in Wien. Einzel- und Gruppenarbeit in Wien und Augsburg und via Skype.