In vielen Büchern lässt sich lesen, dass uns die Welt als Spiegel begegnet.

Ja, das ist absolut richtig!

Und laienhaft versuchen wir dann zu verstehen, was unsere Projektionen uns 1:1 sagen wollen.
Wir sehen z.B., dass wir jemand anderen als arrogant beurteilen.
Und dann legen wir gleich los und denken uns: “Aha, ich sehe also jemanden als arrogant an. Also muss ich nach dem Spiegelgesetz nur schauen, wo ich selbst arrogant bin und dann hat sich die Sache erledigt…”

Das ist (fast) absolut falsch!

Was Menschen und Situationen – also unsere Spiegelbilder – wirklich sind:

Das beantworte ich euch gleich.
Ich möchte Euch aber vorher ein Stück weit auf eine kleine Selbsterkenntnisreise mitnehmen, so dass Euer eigener Aha-Effekt umso größer wird und die Weisheit umso tiefer in Euch eindringt.

cc: http://pdphoto.org/

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Spiegel zeigen NIE 1:1 unsere Wirklichkeit!

Und wer beim Klamotteneinkauf in der Umkleidekabine kritisch vor dem Spiegel steht, weiß das ganz genau: Mal sehen wir vor dem einen Spiegel dünner und vor dem anderen dicker aus. Und dann denken wir, dass wir das seien.
Nein, das sind die Eigenschaften des Spiegels – das ist der Spiegel, nicht wir! Es liegt am Material das verarbeitet wurde, und mal macht uns das Material etwas dünner, mal etwas dicker, mal sind wir mehr oder weniger verzerrt…

Am klarsten wird uns das, wenn wir uns an unsere Kindertage zurück erinnern: Hat sich nicht jeder mal von uns vor diesen verrückten Spiegeln fast kugelig gelacht, die einen total verzerren, die einen überdick und pummelig oder gestaucht reflektieren, oder einen ganz schmal und lang werden lassen?
Und kennen wir nicht noch aus der Schule die Gesetze der Optik und die Regeln über convexe und concave Spiegel (auch wenn es lange her ist…)?

Bei den extremen Ausformungen dieser Spiegel ist es uns bewusst, dass wir Verzerrungen sehen – also Perversionen der Wirklichkeit…
Bei den anderen Spiegeln wie bei unserem Gegenüber haben wir das wohl vergessen. Aber letztlich sind es mehr oder weniger immer Perversionen, die uns da entgegenstrahlen als Projektionen. Sie sind ganz unscheinbar, aber sie sind mal mehr in die eine mal mehr in die andere Richtung verzerrt, wie Spiegel nun mal sind!

Menschen und Situationen als unsere Spiegelbilder sind also in Wirklichkeit kleine convexe oder concave Spiegelbild-Verzerrungen unserer Selbst.

Und woran merken wir das?
Je mehr wir emotional von unseren Spiegelbildern betroffen, verärgert, wütend sind oder uns hilflos fühlen, desto mehr betrifft es uns, desto mehr haben wir einen convexen oder concaven Spiegel vor uns.
Und im Grunde ist das auch recht schlau gemacht…

Es liegt fast schon ein wenig Ironie dahinter, dass wir in so Extremen reagieren. Aber dann wissen wir als psychisches Wesen, wo wir gerade unsere Aufmerksamkeit hinrichten sollten: Auf uns selbst!

Je mehr wir auf unsere convexen und concaven Spiegelbilder reagieren, sie beurteilen, sie verurteilen und weg haben wollen, umso größer ist der Fingerzeig, sich jetzt nach Innen zu richten, sich und seine Gedankenmuster zu hinterfragen.

Was kann ich jetzt tun? Wie kann ich diese Spiegelbilder entschlüsseln:

  • 1. Schreibe Deinen verurteilenden Gedanken auf (z.B.: Mich nervt diese überbestimmende Art meines Arbeitskollegen. Er will immer alles bestimmen.)
  • 2. Frage Dich, ob Du absolut sicher sein kannst, dass Dein Urteil, Deine Sicht die absolute Wahrheit ist? Dies ist eine wichtige Frage übernommen aus Byron Katies Technik “The Work”
  • 3. Frage Dich, wer bist Du, was passiert, wie verhältst Du Dich, wenn Du Deinem Gedanken glaubst.
  • 4. Frage Dich, wer Du wärst ohne diesen Gedanken (Wie würdest Du z.B. Deinen Kollegen sehen, wenn Du den Gedanken nicht denken könntest, er wäre so bestimmend über alles?).
  • 5. Bleibe offen in Deiner Wahrnehmung und frage Dich selbst: Wenn es etwas Gutes in dieser Eigenschaft gibt, die ich gerade eben noch verurteilt habe, was könnte das sein? Wofür oder für wen könnte unabhängig von mir, die verurteilte Eigenschaft auch etwas Gutes haben?
  • 6. Wenn Du das Gute darin gefunden hast, frage Dich selbst, ob Du diese Eigenschaft selbst lebst. Lebst Du sie überhaupt, oder wenn vielleicht nur selten oder mit einem schlechten Gewissen?
    Das Gute könnte z.B. für Dich sein:
    Jemand der bestimmend ist, weiß also was er will und er ist sich seiner Sache sicher. Er ist von sich überzeugt.
    Diesem Beispiel folgend, wäre die Frage: Lebst Du dies selbst? Bist Du Dir selbst Deiner Sache sicher? Bist Du von Dir überzeugt? Weißt Du was Du willst und setzt dies auch durch? Tust Du das? Oder wenn Du dies tust, nagt ein inneres schlechtes Gewissen, dass man so selbstsicher doch vielleicht nicht sein darf?
  • 7. Du kommst also dem Punkt immer näher, in dem Du – Dein ganzes System – spürt, dass es letztlich nur an einer speziellen Sichtweise festhalten hat, die all die neg. Konsequenzen und Gefühle zur Folge hatte, und dass es an uns liegt auch wieder andere Sichtweisen zuzulassen.
  • 8. Drehe Dein Urteil um, und finde für jede dieser Umkehrungen 1-3 Beispiele, die dafür sprechen, dass diese Aussage auch einen Wahrheitsgehalt hat.
    Z.B: Mein Kollege will nicht über alles bestimmen – finde Beispiele dafür, wo er andere hat bestimmen lassen.
    Eine weitere Umkehrung: Ich will über alles bestimmen. Ich bin bestimmend – finde auch hier reale Beispiele, egal ob der Kollege daran beteiligt ist oder ob die Beispiele aus ganz anderen Kontexten kommen
  • 9. Pervertiere es selbst: Ich freue mich darauf, wenn ich meinen Kollegen wieder so bestimmend erlebe.
    Warum Punkt 9: Du entlässt Dich in die Freiheit. Denn Fakt ist, es kann sein, dass der Kollege mal wieder etwas bestimmen will oder auch nicht. Fakt ist auch: Du willst wieder mal etwas bestimmen.
    Fakt ist: Das ist Teil des Lebens. Fakt ist, diese Momente erneut zu erleben, werden Dir zeigen wie weit Du auf Deiner Reise zur Selbsterkenntnis schon gekommen bist. Regt es Dich wieder auf, weißt Du jetzt, was Du tun kannst. Erlebst Du es erneut, aber es betrifft Dich nicht mehr, kannst Du dankbar sein, dass Du diesen Spiegel gelöst hast! Und kannst in der Situation bleiben, genau im Hier und Jetzt in der Begegnung, weil Dein eigenes Programm an Bewertungen Dich nicht mehr davon abhält!

Hinweis: Hinter Punkt 6 liegt noch mehr verborgen. Dies frei zu legen, ist ein weiterer Schritt. Doch auch erst mal so, können Dir die Punkte 1-9 sehr viel Weisheit, Leichtigkeit und wieder Offenheit z.B. in der Begegnung mit anderen Menschen (oder wie in diesem Beispiel mit dem Kollegen) schenken.

Ich wünsche Euch viel Freude beim Entdecken und Entschlüsseln Eurer concaven oder konvexen Spiegelbilder!

Natascha Pfeiffer

Über Natascha Pfeiffer

Natascha Pfeiffer, Expansion Method Practitioner und Groupleader, Co-Founder der Agentur PRand communication in Wien. Einzel- und Gruppenarbeit in Wien und Augsburg und via Skype.